Venedig: Familienferien am Sandstrand
Die Idee schien erst abwegig, hat sich jedoch als Volltreffer erwiesen - mit kleinen Kindern eine Woche lang nach Venedig.
Von Andreas Schwander
Wo liegt von Basel aus das nächste Meer - ohne zu fliegen und doch mit genügend Sand für die Kinder? Zur Nordsee gibt‘s direkte Züge, doch da ist immer Ebbe, wann man das Meer braucht. Bleibt die Côte Azur und Venedig. Venedig? Die Lagunenstadt ist von Basel SBB aus siebeneinhalb Stunden entfernt, mit Umsteigen in Brig (früher gab es sogar direkte Züge) und allem was den Kindern am Reisen Spass macht: Lange aus dem Fenster schauen, den Leuten in den Bahnhöfen zuwinken, Speisewagen ältere Damen im Abteil, mit denen man flirten kann. Und dann ist man mitten drin - der Bahnhof Santa Lucia liegt unmittelbar am Canale Grande, zum Bed and Breakfeast geht‘s mit dem Schiff.
Sandburgen am Lido. Natürlich sind die engen Gassen in der Hochsaison voller Menschen, vor allem wenn die grossen Kreuzfahrtschiffe nach 9 Uhr ihre Gäste auf die Lagune ausspeien. Doch dann ist man nicht da, wenn man eine ganze Woche Zeit hat. Der Kinderwagen wird beladen mit Schaufeln, Eimern und Badetüchern und man fährt mit dem Vaporetto, wie die kleinen Kursschiffe hier heissen, zum Lido. Dort sind Venedigs grosse, öffentliche Strände, die einem alles bieten, was Strandferien normalerweise so bieten - Sonnenbrände, Beach-Volleyball, Sand auf dem Glacé und quengelnde Kinder. Und das Salzwasser bringt auf dem Kinderwagen den Rost zum erblühen. Zurück in der Stadt ist man erst wieder, wenn die grossen Schiffe ihre Kreuzfahrer wieder eingesaugt haben. Dann kann man lange Spaziergänge machen entlang den Kanälen. Die Kinder jagen und füttern Tauben und nie muss man rufen: «Geh nicht auf die Strasse - es kommt ein Auto!» Es kommt kein Auto - eine Stadt ohne Autos ist ein Kinder- und Elterntraum. Dafür kommt das Postschiff und das Kehrichtschiff, das Getränkeschiff, das Betonmisch-Schiff und das Bus-Schiff. Natürlich gibt es auch Strassentransporte - kräftig fluchende junge Männer, die ihre hoch beladenen Handkarren die Treppenbrücken hoch und wider hinunter wuchten - so wie wir es mit dem Kinderwagen nie schaffen. In der Nacht ist die Stadt fantastisch ruhig - weil es keinen Verkehrslärm gibt. Und am frühen Morgen, wenn noch kaum Touristen unterwegs sind, staunt Sohnemann dass man hier die Angelrute aus dem Fenster hängen kann.
Günstige Unterkunft. Viele Venezianer sind dazu übergegangen, Zimmer zu vermieten um ihre grossen Häuser unterhalten zu können. Während die Hotels allgemein ziemlich teuer sind, liefern sich die Bed&Breakfeasts einen erbitterten Konkurrenzkampf. Mittlerweile haben die meisten Zimmer ein eigenes Bad und kosten für die ganze Familie um 90 Euro pro Nacht. Damit ist man in Venedig oft günstiger untergebracht als in den Tourismusfabriken auf den Balearen. Und selbst wenn man während einer ganzen Woche keinen einzigen Palast und keine einzige Kirche besucht weil die Kinder das langweilig finden, macht es ihnen doch viel den grösseren grösseren Eindruck als eine anonyme Bademeile. Kunst und Kultur warten bis zum nächsten Mal. Und dann lassen wir den Kinderwagen daheim und nehmen stattdessen das Kajak mit.
*Je nach Saison betragen die Preise der B&Bs in Venedig zwischen 75 und 120 Euro pro Nacht und Zimmer, wobei ein Zimmer oft von mehreren Personen belegt werden kann.

